Niemand widersprach.
Erst als alle wieder hineingingen und Schwester Maria sah, in welchem Zustand sich Ludwig Schmeikl befand, ging der Krieg weiter. Zunächst fiel der Verdacht auf Rudi und ein paar andere. Sie rauften ständig miteinander.»Hände vorzeigen!«, lautete der Befehl. Aber die Jungen waren allesamt sauber. »Ich kann es nicht glauben«, murmelte die Schwester,»das kann doch nicht wahr sein«, denn als Liesel vortrat, um ihre Hände zu zeigen, stand klar und deutlich auf allen beiden»Ludwig Schmeikl«geschrieben, in dunklem Rot, das langsam zu Rost antrocknete.»Raus auf den Gang«, befahl Schwester Maria ihr zum zweiten Mal an diesem Tag. Oder vielmehr zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde. Diesmal fiel die Abreibung weniger sanft aus. Diesmal war es keine Durchschnittsabreibung. Diesmal war es ernst. Unnachgiebig stachen Stockschläge in ihr Hinterteil, einer nach dem anderen, sodass Liesel eine Woche lang kaum noch sitzen konnte. Diesmal drang auch kein Gelächter aus dem Klassenzimmer. Diesmal war es ein ängstliches, ein lauschendes Schweigen. Am Ende dieses Schultags ging Liesel mit Rudi und den anderen Steiner-Kindern nach Hause. Als sie schon fast die Himmelstraße erreicht hatten, wurde Liesel von einer Welle aus Elend überwältigt, begleitet von unzähligen fliegenden Gedanken. Die gescheiterte Rezitation des Handbuchs für Totengräber, die Trümmer ihrer Familie, ihre Albträume, die Demütigung des heutigen Tages - sie kauerte sich in den Rinnstein und weinte. Alles endete hier.
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